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Die andere Seite der Steckdose Die Altenstädter Gesellschaft für Geschichte und Kultur e.V. besuchte das Kraftwerk Staudinger in Großkrotzenburg. Jeder weis, wie der elektrische Strom aus der Steckdose kommt. Wie er aber dahin kommt, dürfte den meisten ein Buch mit sieben Siegeln sein. Um diese Wissenslücke zu schließen hat die Altenstädter Gesellschaft für Geschichte und Kultur e.V. dieses Thema als Punkt 1 in das erste Halbjahresprogramm 2012 aufgenommen. Die Nachfrage zur Teilnahme an der Werksbesichtigung des Kraftwerks Staudinger war so groß, dass etliche Personen nicht mehr teilnehmen konnten. Am Freitag, 13.Januar traf sich eine 32-köpfige Gruppe interessierter Mitglieder und Gäste vor den Toren des Kraftwerkes zur Besichtigungstour, darunter eine nicht unerhebliche Zahl weiblicher Besucher, die sich auch für dieses doch sehr technische Thema interessierte. Zusammen mit zwei weiteren Besuchergruppen aus Schulen der Umgebung waren wir schließlich 50 Personen. Nach namentlicher Anmeldung und Registrierung an der Werkspforte wurden wir von Herrn Sven Wahl, dem zuständigen Mitarbeiter für Öffenlichkeitsarbeit empfangen und in den großen Raum des Besucherzentrums geführt. Kraftwerksansicht – Bild e.on energie AG Nach einer kurzen Begrüßung wurde zur Einführung ein ca. 25 Minuten langer Film gezeigt, in dem alle Phasen des Kraftwerksbetriebs von der Stromerzeugung bis zur Abgasreinigung in graphischen, schematischen Schaubildern und in realen Ansichten zu sehen waren. Das Kraftwerk besteht aus 5 Blöcken mit insgesamt etwa 2000 MW maximaler Leistung. Das reicht zur Versorgung einer Region mit rund 5 Millionen Menschen. Die Blöcke 1 bis 3 stammen aus den 60-er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Block 2 ist seit längerem komplett abgeschaltet und steht nur als sog. Kaltreserve zur Verfügung. Die Blöcke 1 und 3 werden als Mittellastblöcke nur zeitweise betrieben. Block 5, der 1992 seinen Betrieb aufnahm und 500 MW Leistung liefert dient der Grundversorgung. Im Gegensatz zu den genannten Blöcken, die alle mit Steinkohle befeuert werden, wird Block 4, der seit 1977 am Netz ist, mit Erdgas betrieben. Da dieser Betrieb mit Erdgas im Vergleich zum Steinkohlenbetrieb viel teuerer ist, wird dieser Block nur bei Spitzenbedarf hochgefahren. Block 4 und 5 werden gemeinsam aus einer hochmodernen Zentrale gesteuert. Die Blöcke 1-3 haben eigene Steuerräume. Sie entsprechen jedoch nicht mehr dem technischen Standart. Sie sollen daher abgerissen und durch den geplanten Block 6, mit modernster Technologie und 1000 MW Leistung ersetzt werden. Ein Großteil der Genehmigungen liegt hierfür bereits vor, aber Klagen umliegender Kommunen behindern bzw. verzögern den Baubeginn. Im Anschluss an den Film forderte Herr Wahl die Besucher auf Fragen zu stellen, die dann recht zahlreich auf ihn einprasselten und auf die er keine Antwort schuldig blieb. Danach wurden alle Besucher mit Funkempfangsgeräten mit Ohrlautsprecher und einem Sicherheitshelm für den Rundgang durch das Werk ausgerüstet. In Kurzform dargestellt, spielt sich der Ablauf der Stromproduktion im Werk Staudinger etwa folgendermaßen ab. Mit Frachtschiffen und per Bahn wird Steinkohle antransportiert, entladen und auf großen Flächen gelagert. Herkunftsländer der Kohle sind in der Hauptsache Südafrika und Norwegen (Spitzbergen). In Rotterdam wird die Kohle von See- auf Binnenschiffe umgeschlagen. Das Kohlenlager ist für min.30 Tage bemessen, Bei einem durchschnittlichen täglichen Verbrauch von 5.000 t ergibt das eine Menge von 150.000 t. Ein Teil der Kohle wird, soweit Platz vorhanden, gleich in die Kohlevorratsbunker der Blöcke gefördert. Um die Kohle möglichst schadstoffarm verfeuern zu können, wird sie in Kohlemühlen zu einem feinen Kohlepulver zermalen. Der Kohlestaub wird dann mit Heißluft getrocknet und in die Brennkammer des Kessels geblasen. Im Kesselhaus, welches in Block 5 eine Höhe von ca. 100 m hat, befindet sich der Dampferzeuger, der aus der Brennkammer und einem komplexen System von Rohrleitungen besteht. Im Brennraum wird der Kohlenstaub mit einer Temperatur von 1300-1400 °C verbrannt. Die dabei entstehende Hitze bringt das Wasser in den Leitungen zum Sieden, es wandelt sich zu Dampf und wird mit einer Temperatur von 500 °C unter hohem Druck von 250 bar der Turbine zugeführt. Die Turbine dreht sich mit 3000 Umdrehungen pro Minute. Die Turbinenschaufeln übertragen die Energie des Dampfes auf die Welle. Die Turbine besteht aus einem Hochdruckteil, einem Mitteldruckteil und 2 Niederdruckteilen. Sie ist mit einem Generator gekoppelt, der die mechanische in elektrische Energie umwandelt. Der produzierte Strom wird dann über einen Transformator in das Stromnetz eingespeist. Hat der Dampf alle Turbinenstufen durchlaufen, wandelt er sich im Kondensator wieder zu Wasser, das im Kreislaufsystem wieder zum Kessel zurückwandert. Nur die im Kühlturm verdunstende Wassermenge wird dem Main entnommen und dem Kreislauf zugeführt. Nach dem Kondensator gelangt das Wasser in den so genannten Naturzugkühlturm. Dieser arbeitet im Gegensatz zu den früher verwandten niedrigen Kühltürmen aufgrund seines ausgeklügelten Systems ohne Ventilatoren, also ohne zusätzlichen Energieverbrauch. Die nötige Energie zum Aufsteigen der von unten einströmenden Kühlluft wird durch die Einleitung der gereinigten warmen Rauchgase geliefert, die ebenfalls durch den Kühlturm abgeführt werden. Dieses System erspart den Bau hoher Kamine, wie sie noch für die Blöcke 1 bis 4 mit Höhen bis über 200 m erforderlich waren und das Bild der Anlage neben den Kühltürmen mit prägen. Bevor das Rauchgas in die Atmosphäre gelangt, wird es aufwendig gereinigt. Vor allem Schwefeldioxid, Stickoxide und Staub gilt es zu entfernen. Der Reinigungsprozess läuft in drei Stufen ab. In der Entstickungsanlage wandeln Katalysatoren die Stickoxide mittels Ammoniak in umweltneutrales Wasser und Stickstoff um. In einem Elektrofilter wird in Stufe zwei die Flugasche des Rauchgases abgeschieden. Sie wird einer Weiterverwendung in der Bauindustrie (Zementwerke) zugeführt. Stufe drei bildet die Entschwefelungsanlage. Hier reagiert das Schwefeldioxid chemisch mit einem Kalkstein- Wassergemisch und Sauerstoff zu Gips und Wasser. Der qualitativ hochwertige Gips wird in einem großen Gebäude getrocknet und gelagert. Er wird dann beispielsweise zur Herstellung von Gipskartonplatten verkauft. Lediglich für das CO2 gibt es noch kein brauchbares technisches Verfahren zu einer umweltfreundlichen Wiederverwendung. Die an die Umwelt abgegebenen Emissionen unterliegen in ihren Grenzwerten dem Bundesimissionsschutzgesetz, welches derzeit in seiner 17. Fortschreibung vorliegt und eines der strengsten Gesetze weltweit ist. In speziellen Stationen werden alle Emissionen automatisch gemessen und registriert. Wie uns gezeigt wurde, unterschreitet das Werk die zulässigen Grenzwerte sehr deutlich. Das Werk Staudinger ist das größte herkömmliche Kraftwerk im Land Hessen. Nach der Abschaltung des Atomkraftwerkes in Biblis muss Hessen jedoch mehr als 50 % seines Strombedarfs von außerhalb beziehen. Interessant war auch die Information, wie die gesamte Stromerzeugung nach dem Bedarf der Abnehmer zentral von einer speziellen überregionalen Einrichtung geregelt wird. Es kann ja jeweils nur soviel Strom produziert werden, wie auch abgenommen wird. Das bedingt, das die einzelnen Blöcke nach diesem Bedarf hoch und zurückgefahren werden müssen. Die Einbeziehung der regenerativen Stromerzeugung hat diese Steuerung noch komplizierter gemacht, da dieser Teil der Stromerzeugung bevorrechtigt in das Netz eingespeist wird und außerdem großen Schwankungen je nach Wind und Sonnenscheindauer unterliegt. Der Rundgang durch das Werk bei trockenem Wetter und einer Außentemperatur von 4 °C vertiefte dann das im Besucherzentrum erworbene Wissen. Er führte uns durch das Gipslager, zum Werkshafen mit der Kohleentladung. Leider war gerade kein Schiff zur Entladung vor Anker. Als Höhepunkt des Rundgangs wurde die gesamte Gruppe in einem riesigen Aufzug auf das 100 m hohe Dach des Kesselhauses von Block 5 hinaufgefahren. Der Ausblick von dort auf das gesamte Umland mit Spessart, Odenwald, Taunus, die umliegenden Orte und den Main war bei guter Fernsicht großartig. Anschließend besuchten wir die Maschinenräume von Block 4 und 5 mit den riesigen Turbinen und Generatoren. Zuletzt bekamen wir einen Einblick in die Steuerzentrale, in der auf großen Wandtafeln die Anlagenteile schematisch mit ihren Funktionszuständen dargestellt sind. Vor vielen Computerbildschirmen sitzen Spezialisten und kontrolliert die normalerweise automatisch ablaufenden Vorgänge. Sie arbeitet rund um die Uhr in 3 Schichten á 8 h (am Wochenende in 2 Schichten á 12 h). Als wir zum Besucherzentrum zurückgingen begann bereits die Abenddämmerung. Wir lieferten unsere Funkempfänger und Helme ab, versorgten uns noch mit Infomaterial. Durch viele neue Eindrücke und dem Wissen bereichert, wie es auf der anderen Seite der Steckdose aussieht, machten wir uns auf den Weg nach Hause. Altenstadt, den 15.Januar 2012 August Trützler